Stimme der Lehrkraft „mitten im Kopf“
Es existiert eine Vielzahl an technischen Hilfsmitteln für Menschen mit Höreinschränkung. Die Bandbreite reicht, je nach Grad und Art der Einschränkung, von einfachen Hörgeräten bis hin zu Innenohrimplantaten mit intelligenten Steuerungsmechanismen. Jedoch kommt im Klassenzimmer hauptsächlich die sogenannte „FM-Anlage“ (heute: Drahtlose Akustike Übertragungsanlage DAÜ) zum Einsatz. Diese besteht aus einem Mikrofon, welches die Lehrkraft um den Hals trägt. Von dort aus werden die Signale per Funk direkt zum Hörgerät des Kindes geschickt. Die auf diese Weise übertragene Stimme enthält keinerlei Raumeinflüsse wie zum Beispiel Hall oder andere Störgeräusche, welche die Sprachverständlichkeit verringern. „Jeder Mensch der einmal ein Monosignal mit einem Kopfhörer gehört hat, weiß jedoch, dass die Stimme der Lehrkraft nun „mitten im Kopf“ wahrgenommen wird“, sagt Dr. Jörg Bitzer, Professor für Audiosignalverarbeitung an der Jade Hochschule. Dieser Effekt sei nicht nur sehr unnatürlich, sondern hätte auch Folgen für die Entwicklung des Hörsinns. „Während normalhörende Kinder alle wichtigen Geräusche aus allen erdenklichen Richtungen wahrnehmen und dadurch lernen, Schallereignisse korrekt zu orten, bleibt diese Stimulation bei Nutzung einer FM-Anlage vollständig aus, da ja alles Gehörte direkt im Kopf stattfindet - und das viele Stunden täglich“, erklärt Dr. med Karsten Plotz, Professor für HNO-Heilkunde, Phoniatrie und Pädaudiologie. Dadurch werde die ohnehin schon verringerte Entwicklung eines gesunden Gehörs also noch weitreichender beeinträchtigt. Hinzu kommt, dass es neben der Lehrkraft noch weitere relevante Schallquellen im Klassenzimmer gibt, wie beispielsweise Medien oder andere Kinder, welche von dem Mikrofon der FM-Anlage nicht aufgefangen werden können.