Das britische Erbe: „Home (away) from home“ und Shakespeare als Pate für das Globe Kino
Begleitet von diesen geopolitischen Herausforderungen ging der Aufbau eines friedlichen gesellschaftlichen Lebens in Oldenburg unter britischer Aufsicht voran. Eine Besonderheit prägte damals die Stadt, die heute nicht mehr offensichtlich ist: Im Zuge ihrer Kolonialgeschichte hatten die Briten die Tradition entwickelt, für gesandte Briten, auch Soldaten, eine Infrastruktur zu errichteten, die eine übergangslose Fortführung des britischen kulturellen Lebens in der Fremde ermöglichten.
In Oldenburg zogen daher Institutionen ein, die das Leben der britischen Militärs bestimmen sollten: Der YMCA (Young Men’s Christian Association) siedelte sich an, ein aufwändiges Teehaus wurde gebaut. Der Women’s Royal Voluntary Service (WRVS) fand seinen Platz und sorgte dafür, dass Soldaten und andere Mitglieder der Besatzungsmacht in ihrer Freizeit zu Tee, Kaffee und Kuchen eingeladen wurden. Die öffentlichen Gebäude der Stadt erhielten zusätzliche englische Namen, das Staatstheater beispielsweise hieß unter Briten „Radio City Music Hall“. Das Globe Kino in Donnerschwee wurde errichtet und nach dem „Shakespeare Theatre Globe“ in London benannt. Für die britischen Männer sollte es ein „Leben wie zuhause fern von zuhause“ (Home away from home) sein.
Ein Truppenkino für britische Identität, Kultur und Notfallmanagement
Die meisten der in Oldenburg stationierten britischen Soldaten waren erst 18 oder 19 Jahre alt und leisteten ihren anderthalb Jahre dauernden Wehrdienst ab.
„Die jungen Männer waren in jeglicher Hinsicht unerfahren und sollten städtisches Leben in einem fremden Land regeln, das gerade einen Krieg verloren hatte“, sagt Goodyear. „Mit seinen Filmvorführungen sollte das Globe zum einen für Stabilität und Moral sorgen. Sicher ging es auch um britische Kultur und ein ‚britisches Bewusstsein‘ in der Fremde.“ Außerdem berichtet Goodyear, dass dem Gebäude des Globe kulturell wie militärisch eine zentrale Rolle zukam. Hinweise sprechen dafür, dass es für Informationsveranstaltungen sowie Notfallversammlungen vorgesehen war, beispielsweise für den Fall einer geregelten Evakuierung der britischen Armee.
Zeitzeugen gesucht
Mithilfe von Presseaufrufen hat Goodyear vor allem in seiner britischen Heimat 25 Zeitzeuginnen und -zeugen gefunden, die in den 50er Jahren auf der ehemaligen Kaserne Donnerschwee lebten und arbeiteten. Die meisten von ihnen sind männlich und waren als sehr junge Soldaten im Wehrdienst in der Britischen Armee. Zehn Gespräche hat Goodyear bereits geführt und so begonnen, das Leben zur Blütezeit des Globe zu rekonstruieren. Noch in diesem Jahr spricht der Historiker mit weiteren Zeitzeugen. Außerdem hat er verschollene Dokumente und Programmhefte des Globe aufgespürt. Die Geschichte des Globe – eng verwoben mit kulturhistorischen Aspekten der britischen Besatzung Oldenburgs – will Goodyear schließlich in einem Buch zusammenführen.
„Mein Großvater war in den 50ern auch Soldat, in Großbritannien. Die Menschen, die sich an das damalige Oldenburg und das Globe erinnern, sind heute 80 oder 85 Jahre alt. Sie werden nicht mehr allzu lange unter uns sein. Ich möchte ihre Geschichten und Erinnerungen festhalten“, erklärt Goodyear seine Motivation. Daher sucht er weiterhin Zeitzeugen, die vom Globe und der britischen Besatzungszeit Oldenburgs berichten können. „Viele Fragen sind noch offen, etwa, ob im Globe trotz des in Deutschland existierenden Rauchverbots geraucht wurde, oder welche Filme auf dem Programm standen und wer außer den britischen Soldaten Zugang zum Kino hatte. Über diese Details erhalten wir mehr Aufschluss über die Kultur von damals“, schließt Goodyear ab.