Erste Erkenntnisse: Wie ist die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen in Friesland? Was macht politische Teilhabe für sie so schwierig?
Die bisherigen Erkenntnisse aus den Gruppendiskussionen geben bereits deutliche Hinweise, warum politische Teilhabe besonders für Jugendliche auf dem Land sehr schwierig ist
# Jugendliche zeigen sich digital angepasst und engagieren sich heimlich im „echten“ Leben
„Es gibt engagierte Jugendliche in Friesland“, sagt Düwel, „aber die verheimlichen ihr Engagement. Sie haben Angst vor Mobbing in der Schule – werden dort ‚Opfer‘ genannt – und davor, von Erwachsenen in den digitalen Medien angegriffen zu werden und den Diskussionen mit diesen erfahrenen Älteren nicht gewachsen zu sein.“ In den sozialen Medien gebe es eine Unterwerfung gegenüber dem Mainstream. Ein Jugendlicher beispielsweise habe alle Einträge gelöscht, die auf sein Engagement bei der Feuerwehr hingewiesen hätten. Düwel hat viele Jugendliche kennengelernt, die ihr Engagement auf ähnliche Weise verheimlichen. Dieses Leben im Verborgenen hält sie für eins der gefährlichen Phänomene unter den Jugendlichen auf dem Land. „Denn was bedeutet dieses Verstecken von Engagement für unsere Demokratie, die doch auf dem Freiheitsgedanken gebaut ist?“ fragt Düwel. „Der Mehrheitsdruck, der ihr Engagement nicht gutheißt, ist so stark, dass sie trotz der verfassungsmäßig gegebenen Freiheit sich nicht frei fühlen, sich in allen Facetten zu zeigen.“
# Sich im ländlichen Raum politisch zu engagieren ist mühsam
„Die Infrastruktur und formalen Vorgaben auf dem Land machen es den Jugendlichen deutlich schwerer als denen in der Großstadt, für ihre Interessen einzutreten“, sagt Düwel. Zum einen seien sie auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen, die erreichbaren Räume seien dadurch eingeschränkt. Zum anderen sei es schwieriger, auf dem Land Unterstützungsunterschriften für eine Aktion zu sammeln. Die müssten aus dem Landkreis stammen, in dem man wohnt. Wer in Friesland wohnt, aber und in Wilhelmshaven zur Schule geht, könnte an der eigenen Schule keine Unterstützung suchen.
Zusätzlich könne man auf dem Land wegen der dünnen Besiedelung sowieso keine Massen mobilisieren. „Wenn dann zehn Leute auf einer Demonstration sind, fühlt man sich immer noch einsam“, resümiert Düwel. „Protestaktionen Jugendlicher im ländlichen Raum scheint es deshalb fast gar nicht zu geben.“
# Parteipolitik und öffentlich-rechtliche Medien haben einen schlechten Ruf
Die Jugendlichen, mit denen Düwel gesprochen hat, engagieren sich für Themen wie Gleichstellung, Schutz vor Klimafolgen, soziale Gerechtigkeit, gegen Rassismus. Sie haben ein Verständnis für politische Fragestellungen und den Wunsch, sich an ihrer Lösung zu beteiligen. „Aber diese Jugendlichen setzen Politik mit Parteipolitik gleich. Und Parteipolitik lehnen sie ab, weil sie ihre Lebenswirklichkeit darin nicht abgebildet sehen.“
Nachrichten hätten für etwa die Hälfte der Jugendlichen ebenfalls keinen Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit. Die Jugendlichen sähen, besonders in Wahlkampfzeiten, die klassischen Medien sehr stark parteipolitisch geprägt. Das Misstrauen gegenüber Institutionen, Parteien und Medien wachse, sodass sich die Jugendlichen immer mehr distanzierten.
# Jugendliche wollen sich engagieren – aber nur, wenn sie gehört werden
Auf der anderen Seite existiere eine Debattenkultur, die durch die Pandemie befeuert würde. Die Jugendlichen fühlten sich unsichtbar, weil sie sich aus allen öffentlichen Räumen zurückziehen mussten – Schulunterricht fand in großen Teilen online und nicht in der Schule statt, Treffen in Jugendhäusern fielen zeitweise aus, Veranstaltungen konnten über lange Zeit nur sehr eingeschränkt besucht werden. Allein in diese Räume möchten die Jugendlichen zurück.
„Viele Jugendliche leben mit dem Gefühl, mit ihren Bedürfnissen von Erwachsenen nicht beachtet zu werden“, sagt Düwel. „Darauf folgt oft der Gedanke ‚Es lohnt sich nicht, mich dazu zu äußern, ich werde ja doch nicht gehört.‘ Dahinter brodelt jedoch eine Jugendbewegung, die hochpolitisch ist.“
Diesen Vorbehalt bekam Düwel selbst vor allem während der Vorbereitungen für das erste Barcamp zu spüren. Die beteiligten Jugendlichen hätten ihr ganz deutlich signalisiert: Sie engagierten sich nur, wenn sie wüssten, dass das zu konkreten Verbesserungen für sie führt. „Ich spürte echten Druck, dass ich liefern muss. Das Barcamp wurde schließlich ein Riesenerfolg. Aber ich musste ihnen beweisen, dass es sich lohnt mitzumachen“, sagt Düwel. Jetzt seien sie bereits dabei, für den 10. Juni 2022 das nächste Barcamp zu organisieren.
Welche Bedingungen müssen für eine Teilhabe Jugendlicher auf dem Land geschaffen werden?
# Lange Vorarbeit: Der Aufbau von Jugendlicher Teilhabe ist eine langfristige Angelegenheit
„Ein Teil der jungen Menschen, mit denen das Projekt Jul@ in Friesland und im Allgäu zusammenarbeitet, bewegt sich mit Anfang 20 bereits aktiv in den parteipolitischen Strukturen“, sagt Düwel. Ihr fällt auf, dass bei diesen Jugendlichen ähnliche Vorgängerprojekte den Anstoß für das gesellschaftspolitische Engagement gegeben hatten. Das gelte für Friesland wie für das Allgäu. „Ohne die Vorarbeit wäre unser Einstieg von Jul@ nicht auf dieser Ebene möglich gewesen.“ Als ein wichtiges Vorgänger-Projekt nennt Düwel den öffentlich geförderten „Jugend-Demografie-Dialog“. 1500 Jugendliche haben im Rahmen des Projekts im Landkreis in mehreren Demografie-Werkstätten Ideen zur Gestaltung des demografischen Wandels entwickelt. Infolgedessen ist das Jugendparlament auf Kreisebene entstanden. Im Allgäu sei es das Projekt What‘s Up?! des Kreisjugendrings Ostallgäu zur Stärkung von Jugendbeteiligung im ländlichen Raum gewesen.
„Um Jugendliche für Teilhabe zu gewinnen, die sich bisher nicht engagieren, braucht es neben der Vorarbeit außerdem Bezugspersonen“, erklärt Düwel weiter. „Kein Teenager geht allein irgendwo hin. Deshalb sind zum Beispiel Lehrer_innen, die eine Veranstaltung empfehlen, oder Freund_innen, die sich bereits engagieren, unglaublich wichtig als Multiplikator_innen.“
# Gleichgesinnte finden, Gemeinschaft erleben
Das Erleben von Gemeinschaft sei für Jugendliche generell eine Grundvoraussetzung, sich zu trauen und politisch aktiv zu sein, sagt Düwel. Man müsse Jugendliche zusammenbringen, die sich an verschiedenen Orten mit denselben Themen beschäftigen. Als die Jugendlichen in ihren Gruppendiskussionen entdeckten, dass es woanders im Landkreis Jugendgruppen zum Thema Nachhaltigkeit gibt, seien sie sehr überrascht gewesen. „Sie merkten, wenn wir uns zusammentun, sind wir viel stärker“, erinnert sich Düwel. „Hier sehe ich eine ganz starke Verantwortung der lokalen Medien, die deutlich weniger für Jugendliche über deren Themen berichten.“
Eine Partizipationsbiografie helfe außerdem. Ein Mädchen habe besonders beeindruckt. Das Mädchen habe in ihrem Leben sehr viel Rassismus erfahren und engagiere sich sehr im Projekt Jul@. Sie zeige eine ungewöhnliche innere Stärke. Dass ihr Vater bereits politisch aktiv sei, verleihe ihr Mut. Aber Partizipationserfahrung in der Familie komme selten vor, gerade auf dem Land.
# Hilfe im Umgang mit bürokratischen Hürden
Eine Hürde bei politischer Arbeit, sagt Düwel, seien formale Anforderungen: Pläne für Veranstaltungen und Anträge für Fördermittel schreiben, Angebote einholen, Veranstaltungsräume organisieren, und ähnliche Aufgaben gehörten dazu – Aufgaben, die Jugendliche überfordern und schnell ihre Kreativität einschränken würden. Dort, wo Jugendliche in Strukturen eingebettet seien, zum Beispiel beim Roten Kreuz, der Evangelischen Landjugend oder den Johannitern, gebe es flankierende hauptamtliche Ansprechpartner_innen für diese Aufgaben, an die sich die Jugendlichen jederzeit wenden.
„Aber wir haben noch viel mehr Jugendliche, die überhaupt nicht in solche Strukturen eingebettet sind“, sagt Düwel. „Für sie muss es langfristig irgendeine Anlaufstelle geben, die ihnen die formale Arbeit abnimmt.“
Wie war das erste Jahr Projektarbeit? Wie geht es weiter mit Jul@? – ein Zwischenfazit und Ausblick von Alice Düwel
„Zusammenfassend kann ich sagen: Ich habe überall im Modelllandkreis hochengagierte Jugendliche kennengelernt, die sich eine Menge Gedanken machen“, sagt Düwel. Aber es brauche noch viel mehr Mut, um diese auch in die Tat umzusetzen. Einer der Befragten habe das Bild des „Katalysators“ herangezogen, um den Schub zu beschreiben, der Jugendlichen beim Sprung ins kalte Wasser hilft. Das Bild sei sehr zutreffend: Manchmal übernehme die Schule eine Katalysatorfunktion, manchmal die Peergroup oder die Familie. In jedem Fall brauche es ein Eingebettetsein in eine Gemeinschaft. „So gesehen könnten wir alle die Gesellschaft vielfältiger gestalten, indem wir durch einen respektvollen Umgang und ein Aufeinanderzugehen auf Augenhöhe Partizipation auch für diejenigen ermöglichen, die sich jenseits des Mainstreams wahrnehmen und sich aus Sorge vor sozialen Sanktionen bisher zum Teil noch nicht trauen.“
„Partizipationsfördernd wirkt sich offenbar der Zugang über Interessen und gemeinsame Aktivität aus“, stellt Düwel weiterhin fest. „Das haben wir im September beim Barcamp mit Musik und Diskussionen, aber auch beim Keksebacken_Klimaschnacken mit Umweltminister Olaf Lies im Dezember im Jugendhaus gemerkt.“ In Kooperation mit dem Jugendparlament Zetel startet Jul@ deshalb ab Februar monatliche Gesprächsabende zu verschiedenen Diversitätsthemen im Mehrgenerationenhaus in Zetel. In Zusammenarbeit mit dem Kinoverein wird es zum Einstieg jeweils eine Filmvorführung geben. Anschließend berichten Betroffene von ihren Erfahrungen und diskutieren mit Jugendlichen und älteren Mitbürger_innen über Genderdiversität, Rassismus, Ableismus (Ungleichbehandlung aufgrund körperlicher oder psychischer Beeinträchtigungen oder aufgrund von Lernschwierigkeiten) und Sexismus. Zur Vorbereitung auf das nächste Barcamp am 10. Juni ist ein Seminarwochenende mit Argumentationstraining geplant.