Köster: Erstes Ziel unserer Maßnahmen war in Deutschland zu verhindern, dass die Kapazitätsgrenze des Gesundheitssystems wie in Italien überschritten wird. Grob gesprochen bedeutet das in der Spitze maximal zwei Millionen Infizierte an einem Tag, wenn wir gängigerweise annehmen, dass fünf Prozent der Infizierten intensiver medizinischer Betreuung bedürfen. Für die Glockenkurve der Infizierten, die wir alle aus den Medien kennen, bedeutet dies, dass diese über die Minderung der Übertragungskontakte niedriger werden muss. In der Konsequenz heißt das aber auch, dass die Kurve deutlich breiter wird. Und das bedeutet nichts anderes, als dass der Epidemieverlauf sich verlängert. Unsere groben Abschätzungen legen den Schluss nahe, dass dann alles – natürlich vorbehaltlich des Erfolgs bei der Entwicklung wirksamer Medikamente oder sogar eines Impfstoffes – bis weit in das nächste Jahr dauern wird. Wenn wir kein erneutes Aufflammen der Epidemie wollen, denn auch zwei Millionen Infizierte sind gerade mal zweieinhalb Prozent unserer Bevölkerung, also weit weg von einer Durchseuchung, heißt das für mich, dass wir nicht nur wie angekündigt bis zum 31. August auf Großveranstaltungen verzichten müssen, sondern leider länger. Und so falsch scheinen wir nicht zu liegen, wie eine gerade herausgekommene Studie aus Harvard in "Science" zeigt.