Was bedeutet das Forschungsergebnis?
Die Abweichungen zwischen dem historischen und dem modernen Modell des Kleinenknetener Grabs von etwa einem Zentimeter können sowohl durch Veränderungen am Grab im Lauf der Jahrzehnte als auch durch die Qualität der historischen Bilder entstanden sein. Durch die größeren Abweichungen von etwa 25 Zentimetern sehen wir, wo sich mit Sicherheit die Situation der Ausgrabung aus den 30er Jahren vom heutigen Zustand des Grabes unterscheidet. Dass die 3D-Rekonstruktion aus historischen Bildern an sich gelungen ist, ist ein Erfolg. Dass wir bei zwei Steinen diese großen Unterschiede sehen – die bei unserer sehr fortgeschrittenen Technologie nicht auf Messungenauigkeiten zurückgehen können –, ist für uns die eigentliche Sensation! Es zeigt, dass unsere modernen Methoden taugen, um Erkenntnisse aus sehr altem Bildmaterial zu gewinnen. Immerhin sind die Bilder nahezu 80 Jahre alt. Wenn man bedenkt, wie viele Bilder weltweit in Museen archiviert sind, ahnt man, welche bedeutsamen Erkenntnisse wir mithilfe moderner Technologien über historische Vorkommnisse gewinnen können, die bislang vielleicht vollkommen unbekannt sind, und die uns als Menschheit interessieren.
Was bedeutet Digitalisierung für das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg, und welche neuen Forschungsfragen stellen sich? – Fragen an Dr. Frank Both
Herr Dr. Both, wo steht das Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg im Digitalisierungsprozess?
Projekte wie MoDi sind Teil eines größeren Digitalisierungsprozesses, der seit Beginn des digitalen Wandels auch für uns als Museen immer wichtiger wird. Alle Museen haben das große Ziel, mithilfe von Digitalisierung alle Archivarien für die Nachwelt zu bewahren. Da wir von einem unermesslichen Bestand an Objekten allein in unserem Museum sprechen, ist die Herausforderung riesig. Deshalb werden die aufwändig erforschten Digitalisierungsmethoden auch der gesamten Museumswelt zur Verfügung gestellt.
Neben den speziellen Digitalisierungsmethoden wie beim Kleinenknetener Grab werden wir künftig standardisierte Verfahren brauchen, um unsere Bestände zu digitalisieren. Solche Verfahren sind für Museumsobjekte bereits erforscht. „Das Fraunhofer Institut zum Beispiel hat ein 3D-Labor mit einer eigenen Digitalisierungs-Straße entwickelt, durch die ein Museumsobjekt auf einem Band durchfährt. Dabei wird es von allen Seiten fotografiert und gescannt. Fast in Echtzeit entsteht so ein 3D-Modell. So eine Digitalisierungsstraße liegt allerdings für uns wie für die meisten deutschen Museen noch in weiter Ferne.
Was bedeutet das Ergebnis der Datenfusion der 3D-Modelle von Kleinenkneten II aus der Museumssicht? Schließen sich neue Forschungsfragen an?
Es ist großartig, dass wir die Methode der Datenfusion erfolgreich für die Rekonstruktion des Grabes erschließen konnten. Jetzt können wir neue Forschungsfragen formulieren und ihnen nachgehen. Beim Kleinenknetener Grab wurden zum Beispiel Keramikgefäße gefunden, die wir ebenfalls neu untersuchen wollen. Die Funde werden zunächst einmal datiert. Wenn das geschehen ist, wollen wir im Rahmen einer anderen Forschungsarbeit Fragen zum Beispiel zur Bestattung vor Ort untersuchen und dabei wieder digitale Methoden anwenden: Wie sahen die Bestattungsfeierlichkeiten aus, die hier stattgefunden haben? War die Grabkammer in Quartiere als Ruhestätten für Personen oder Familien unterteilt – wie wir das etwa von vergleichbaren Gräbern in Schleswig-Holstein kennen?
Die Grabkammern hatten außerdem jeweils einen verschlossenen Zugang, durch den man in die Kammer gelangen konnte, etwa um eine neue Bestattung vorzunehmen.
Bei einer Kammer fehlte bei den Rekonstruktionszeichnungen stets die Eingangssituation, obwohl sie auf den Ausgrabungsfotos und auch heute im Gelände noch erkennbar ist. Vermutlich wurde der Eingang von den bisherigen Forschenden verheimlicht, weil es nicht in den Kenntnisstand der damaligen Zeit passte. Die Eingänge befanden sich üblicherweise auf der anderen Seite, bei dieser Kammer ist ein Eingang aber entgegengesetzt platziert. Anhand der Arbeiten der Jade Hochschule konnten wir ganz klar zeigen, dass es an unerwarteter Stelle einen Eingang gibt. Solche Informationen bringen uns auf einen ganz neuen Kenntnisstand innerhalb der Archäologie!
Dass man historische Erkenntnisse durch Digitalisierung gewinnt, legt nahe, die Museumsinhalte auch digital zur Verfügung zu stellen. Wie wird die Zukunft von Museumsausstellungen aussehen?
Durch die Digitalisierung wird historisches Wissen mit allen geteilt und ist nicht mehr ein Privileg weniger Forschender. Aber wenn wir von Digitalisierung sprechen, müssen wir verschiedene Ebenen unterscheiden. Die konzeptionelle Ebene ist für unsere Zukunft als Museum von besonderer Bedeutung: Unsere Ausstellungen sind aktuell rein analog. Wie wollen wir analoge und digitale Mittel für die Vermittlung der Museumsinhalte einsetzen? Da werden und müssen wir uns in Zukunft noch positionieren. Dazu gehört dann auch die Frage, wie wir die neuen Erkenntnisse präsentieren wollen, die wir durch die digitale Bearbeitung von Forschungsfragen gewinnen.
Langfristig wird es für uns weniger darauf ankommen, wo und über welche Mittel die Interessierten auf die Informationen zugreifen. Viel mehr werden wir uns fragen: Worin besteht deren Interesse und Hintergrund? Was genau interessiert sie?