„Zeit und Raum beeinflussen das Hörvermögen“
„Wer das menschliche Hörvermögen untersucht, hat es auf besondere Weise mit den Dimensionen Zeit und Raum zu tun“, fasst von Gablenz zusammen. „Zeit im Sinne von Alterung ist in gesamtgesellschaftlicher Perspektive sicherlich der wichtigste Faktor. Dabei beeinflussen die Lebensumstände wie ‚gut‘ man altert. Das gilt auch für das Hörvermögen. Starke Lärmbelastung oder andere Stressoren können Hörstörungen hervorrufen oder verstärken. Darüber hinaus spielt auch die historische Zeit eine Rolle. Die Gesundheitsversorgung, Wohlfahrtspflege und Arbeitsmarktstrukturen wandelten sich in den vergangenen Jahrzehnten. Noch Mitte des letzten Jahrhunderts haben viele Menschen unter Bedingungen gearbeitet, unter denen heute und hierzulande ein Hörschutz Pflicht wäre.
Raum ist von Bedeutung, weil die Lebensbedingungen selbstverständlich nicht allerorts gleich sind. In einem weiteren Sinne betrachten wir deshalb auch den sozialen und gesellschaftlichen Kontext als Raum, der das Hörvermögen beeinflusst.“
16 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind hörbeeinträchtigt
Im Anschluss an HÖRSTAT führten die Forschenden die Ergebnisse mit denen einer vergleichbaren Untersuchung aus Aalen in Süddeutschland zusammen. Auf Basis von insgesamt 3105 bevölkerungstypischen Datensätzen bestätigten Petra von Gablenz, Eckhard Hoffmann und Inga Holube (2017) die Schätzung, nach der etwa 16 Prozent der Erwachsenen in Deutschland hörbeeinträchtigt sind. Bezogen auf den Bevölkerungsstand von 2012 gehen die Forschenden von 10-12 Millionen hörbeeinträchtigter Menschen ab 18 Jahren in Deutschland aus.
Alle fünf Jahre steigt der Anteil der Hörbeeinträchtigten um etwa ein Prozent
Auf Grundlage der Daten aus Nord- und Süddeutschland nahmen von Gablenz, Hoffmann und Holube schließlich eine Einschätzung hinsichtlich der Frage vor, wie sich der Anteil der Hörbeeinträchtigten in der Bevölkerung in Deutschland entwickeln wird. Ihren Prognosen legten die Forschenden amtliche Vorausberechnungen der Bevölkerungsentwicklung sowie der Verteilung beruflicher Bildungsabschlüsse nach dem Mikrozensus (Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik in Deutschland) zugrunde. Ergebnis: Die Autor_innen der Studie schätzen, dass sich der Anteil der Hörbeeinträchtigen in Deutschland alle fünf Jahre um etwa einen Prozentpunkt steigern wird. Demnach ist im Jahr 2020 mit 16,1 Prozent und in 2025 mit 17,1 Prozent hörbeeinträchtigten Erwachsenen in Deutschland zu rechnen. Es ist zwar davon auszugehen, dass sich in Deutschland die Lärmbelastungen vor allem an den Arbeitsplätzen generell verbessern. Der Faktor der demografischen Entwicklung mit einem steigenden Anteil älterer Menschen wiegt jedoch so schwer, dass die Forschenden insgesamt einen Anstieg im Vorkommen von Hörbeeinträchtigungen prognostizieren.
Mit HÖRSTAT wurde erstmalig das Hörvermögen Erwachsener in Deutschland basierend auf einer bevölkerungstypischen Stichprobe erhoben und mit internationalen Studien verglichen. Die Ergebnisse trugen dazu bei, eine wichtige internationale Norm zu aktualisieren, die für die Beurteilung von Lärmschwerhörigkeit herangezogen wird.