Beschreibung
Paludikultur ist die land- oder forstwirtschaftliche Nutzung nasser und wiedervernässter Moorflächen und anderer organischer Böden. Voraussetzung ist, dass der Wasserstand ganzjährig nahe der Bodenoberfläche gehalten oder überstaut wird. Im Vergleich zu konventioneller land- und forstwirtschaftlicher Nutzung werden die Treibhausgasemissionen verringert und der Verlust des Torfkörpers minimiert oder sogar gestoppt. Bei dieser innovativen Bewirtschaftungsform wird die aufwachsende oder angebaute oberirdische Biomasse genutzt, nicht aber unterirdische Pflanzenteile.Die abgeschöpfte Biomasse eignet sich für die Weiterverarbeitung zu verschiedenen Produkten. Besonders vielversprechend sind die Produktion von Baustoffen und Gartenbausubstrat-Rohstoffen aus halmgutartiger Biomasse von Feuchtgebietspflanzen wie Rohrkolben und Schilf. Diese sogenannten Niedermoor-Paludikulturen können in Niedersachsen auf wiedervernässten Niedermoorböden sowie unter Umständen auf weiteren wiedervernässten organischen Böden, wie Anmoorböden angebaut werden.Die Eignung von Rohrkolben und Schilf für Baumaterialien wurde bereits gezeigt. Rohrkolben hat sehr gute Dämmeigenschaften und weist aufgrund des Aerenchyms, einem sehr feinfädigen, offenzelligen Schwammgewebe, eine niedrige Wärmeleitfähigkeit auf. Daneben hat Rohrkolben weitere vielfältige positive Eigenschaften. Bisher wurden zwei Rohrkolbenarten erprobt: T. angustifolia (schmalblättriger Rohrkolben) und T. latifolia (breitblättriger Rohrkolben). T. angustifolia eignet sich für die Herstellung von Dämm- und Bauplatten (z. B. zum Ersatz von OSB-Platten) und ist inzwischen aus ökonomischer Sicht besonders interessant. Dämmplatten haben eine spezifische Wärmeleitfähigkeit von ungefähr 0,055 W/mK und weisen sehr gute statische Eigenschaften auf. Gegenüber anderen Baustoffen erübrigt sich der Einsatz problematischer chemischer Biozide, da die Pflanze Polyphenole (Gerbstoffe) enthält. An einem Musterhaus auf dem Gelände der Jade Hochschule werden die Materialien eingesetzt und messtechnisch überwacht. Weiterhin erfolgen ergänzende Untersuchungen im Labor.
