Drähte wie Glühwürmchen
Lichtdraht hat John bereits in früheren Projekten als Medium eingesetzt. „Das Besondere an diesem Draht ist, dass er mit sehr wenig Strom auskommt“, erklärt er. „Zwei simple 1,5-Volt-Batterien reichten aus, um die Drähte in Oldenburg vier Stunden leuchten zu lassen. Daher vergleiche ich die Lichtdrähte im Energieverbrauch mit Glühwürmchen. Sie sind wie Leuchtstoffröhren beschichtet und leuchten, wenn Spannung angesetzt wird.“
Fotograf Alfred Janßen von der Oldenburger Kunstschule begleitete die Intervention und machte Langzeitbelichtungen von den Drähten. Abzüge der Fotos in großen Formaten wurden im Dezember in den Schlosshöfen ausgestellt.
Szenarien des Klimawandels
Seit vielen Jahren lebt John in Berlin. Oldenburg kennt er ebenfalls seit langer Zeit. Insbesondere mit dem Edith-Russ-Haus für Medienkunst, das seine Arbeiten mehrfach ausgestellt hat, ist der Künstler verbunden. „Vor vielen Jahren bin ich im Rahmen meiner Arbeit durch Oldenburgs Innenstadt gegangen“, erzählt John. „Mit fiel mir auf, dass die Altstadt etwa vier bis fünf Meter über Normalnull liegt. Alles außen herum liegt nur zwei bis drei Meter über Normalnull. So habe ich über den Meeresspiegel nachgedacht. Was wird passieren, wenn er ansteigt?“
2005 hatte Franz John schon einmal ein Projekt zum Thema Meeresspiegel umgesetzt. „Die Salztangente“ entstand im Rahmen der Skulpturbiennale Münsterland. Damals realisierte er Markierungen bezogen auf ein Urmeer, das in der Region einmal existiert hat und nun ausgetrocknet und verschwunden ist. „Metaphorisch ist es interessant, dass ich jetzt ein Projekt zum Klimawandel gemacht habe. Damals, mit der Salztangente, habe ich die Vergangenheit des Meeres visualisiert. Das Projekt in Oldenburg betrachtet die Zukunft“, sagt John. „Die Probleme heute sind Sturmfluten und die Versalzung des Bodens. Obstbaumplantagen entwickeln sich nicht mehr richtig. Überflutungen und der Anstieg des Grundwasserspiegels kontaminieren den Boden mit Salz.“
Die Wahrnehmung erweitern
In seiner Kunst verbindet John Technik und Natur, damit wir mehr wahrnehmen als das Offensichtliche. „Ich nutze Medien und experimentiere damit, wie wir die Natur durch das Medium neu und in erweiterter Form wahrnehmen können “, erklärt er.
Seine künstlerische Beschäftigung mit der Natur, berichtet John, begann mit einer Expedition an den Polarkreis. „Damals, 1992, hat mich der Polarkreis sehr interessiert. Dieser markiert den Bereich, wo zur Sonnenwende im Winter die Sonne nicht mehr aufgeht. Wir haben als Künstler_innen direkt in der Natur gearbeitet und die Logistik der Stadt Rovaniemi genutzt, um ein Eisgebäude in der Natur zu errichten, nur mit natürlichen Materialien. Die Ausstellung sollte sich mit der Eisschmelze in der Zeit von April bis Mai selbst zerlegen. Die Besucher kamen mit Motorschlitten“, erinnert sich John. „Das Projekt stand jedoch für geraume Zeit auf der Kippe, weil der Fluss bis in den Dezember hinein nicht zufrieren wollte. Das war dort neu. Aus heutiger Sicht waren dies erste Anzeichen für Veränderungen des Klimas.“
Ein Blick durch die Maschine
Im selben Jahr nahm John im Karl Ernst Osthaus-Museum in Hagen(Westfalen) an der Ausstellung „Trivial Machines“ teil. „Ich fragte den Direktor, ob ich das Vordach des Museums nutzen darf, und stellte einen Farbscanner und einen Computer dort auf. Damit habe ich über 24 Stunden eine Erdumdrehung mitgemacht und die Umdrehung durch den Scanner dokumentiert. Damit ich nicht einschlafe, habe ich alle 10 Minuten einen Scan ausgelöst. Der Scanner hat den Himmel eingescannt.“ Die Scans hat John anschließend als Film animiert. Der Film war wiederum im Edith-Russ-Haus in Oldenburg zu sehen.
Kunst und Physik
Nach diesen vielfältigen Einblicken in die Welt der künstlerisch erweiterten Wahrnehmung frage ich Franz John, welche Idee er in Hinblick auf unsere Umwelt als nächstes realisieren möchte. „Konkret bin ich seit einem Jahr mit einigen Forschenden aus der Astrophysik im Austausch, die zu Gravitationswellen forschen“, antwortet er. „Vor wenigen Jahren wurden erstmals Gravitationswellen durch Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher nachgewiesen, nachdem Einstein vor hundert Jahren die Existenz von Gravitationswellen vorhersagte. Was außerhalb der Stratosphäre und außerhalb unseres Sonnensystems stattfindet finde ich durchaus sehr spannend.“
Über das Kunstprojekt 5mNN
Die Oldenburger Kunstschule initiierte das Projekt und ludt Künstlerinnen und Künstler ein, als Stadtutopistinnen und -utopisten zu aktuellen Themen und Fragestellungen wie Umwelt, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung zu arbeiten. Die Arbeiten sind partizipatorisch konzipiert und sollen Fiktionen und Vorstellungen von einem anderen Leben in dieser Stadt vermitteln.
Lesen Sie auch den Blog 5mNN.eu
Mehr über den Künstler erfahren Sie auf der Website von Franz John