FN: War es schwierig, die dementiell erkrankten Personen selbst zu befragen?
KI: Zu Beginn meiner Doktorarbeit waren einige Vertreterinnen und Vertreter aus der Forschung und Praxis sehr skeptisch bezüglich der Idee, die Betroffenen direkt zu befragen. In aller Regel werden Angehörige oder Pflegekräfte stellvertretend befragt. Ich habe biografische Interviews geführt und die Personen erst einmal aus ihrem Leben erzählen lassen. Alle konnten sich gut und mindestens an die ersten 30 Jahre ihres Lebens erinnern. Die Dinge, an die sich an Demenz erkrankte Menschen erinnern, sind ja nicht falsch oder unwahr. Viele handeln nach ihrer eigenen Wahrheit. Wenn ein Mensch sich gerade als 40-jährigen Arbeiter bei der Bahn wahrnimmt, steht er zur passenden Zeit auf, um zur Arbeit zu gehen. Das hat auch etwas Rührendes. Wenn das Umfeld diese Innensicht kennt, wird vieles im Alltag leichter.
FN: Wie lässt sich aus Ihrer Sicht die Betreuung von Alleinlebenden mit Demenz in Oldenburg verbessern?
K: Der Welt Alzheimer Verband hat im letzten Jahr durch Befragungen von dementiell erkrankten Personen festgestellt, dass deren größtes Problem das gesellschaftliche Stigma ist. Daher ist die Aufklärung über die Erkrankung weiterhin zentral.
Auch wäre es schön, mehr Selbsthilfe in niedrigschwellige Freizeitangebote oder Tagespflegeangebote zu integrieren, in denen sich Betroffene ganz natürlich über ihre Krankheit austauschen können. In manchen Städten gibt es zum Beispiel Demenzkinos, die erkrankte Personen mit ihren Angehörigen besuchen können. Dort ist es normal, wenn jemand singt oder aufsteht und sich weniger „kontrolliert“ verhält. Ein anderes Modellprojekt ist das Patenschaftskonzept der Hamburger Alzheimer Gesellschaft. Alleinlebende mit Demenz bekommen einen Paten oder eine Patin, der oder die sich um alle Belange kümmert, wenn familiäre und soziale Unterstützungsressourcen fehlen. Das wäre auch für Oldenburg ein schöner inklusiver Ansatz.
FN: Was können wir tun, wenn wir vermuten, dass eine Person im eigenen Umfeld an Demenz erkrankt, und die- oder derjenige keine nahen Angehörigen mehr hat?
KI: Das ist nicht ganz leicht zu beantworten und hängt davon ab, wie nah man der Person ist. Wenn man die Person etwas besser kennt, kann man sich vielleicht ganz locker selbst zum Kaffee einladen und sich einen Eindruck von der häuslichen Situation verschaffen. Je nachdem, wie es der Person geht, kann man dann konkrete Hilfe anbieten, im Haushalt oder vielleicht mit dem Einkauf. Während der Coronapandemie ist es ja selbstverständlicher geworden, Hilfe anzubieten und auch anzunehmen.
Eine ganz andere Situation ist es, wenn vielleicht in der Nachbarschaft eine Person lebt, deren Wohnung schon von außen als verwahrlost zu erkennen ist, man schlechte Gerüche wahrnimmt und die Person nicht zugänglich ist, wenn man sie anspricht. In so einem Fall kann man den formellen Weg gehen und den sozialpsychiatrischen Dienst bitten, vorbei zu kommen. Möglichkeiten für Dritte bietet beispielsweise auch die Berechtigung, Anträge auf rechtliche Betreuung zu stellen. Grundsätzlich sind Menschen auf ein aufmerksames Umfeld angewiesen. Daher ist wichtig und wünsche ich mir, dass sich Wissen über die Erkrankung in unserer Gesellschaft weiter verbreitet.
Folgende Anlaufstellen für Menschen mit Demenz und deren Angehörige in Oldenburg empfiehlt Kristin Illiger:
Demenzhilfe Oldenburg
Alzheimer Gesellschaft Oldenburg
Senioren- und Pflegestützpunkt Niedersachsen (SPN) der Stadt Oldenburg
DemenzNetz Oldenburg im Versorgungsnetzwerk Gesundheit
DIKO – Demenz-Informations- und Koordinationsstelle Oldenburg