JW: Herr Prof. Dr. Meuthen, was hat Sie zum Wechsel an die Jade Hochschule bewogen?
Meuthen: Da es sich bei mir um eine Erstberufung handelt, kann man nicht von einem Wechsel im klassischen Sinne sprechen. Dennoch ist gerade die Erstberufung eine besonders wichtige Station einer akademischen Karriere, welche ich daher sorgfältig durchdacht habe. Da ich mit 30 Jahren vergleichsweise früh einen Ruf auf eine Professur erhalten habe, war es mir wichtig, auf ein Umfeld zu stoßen, welches mir eine langfristige Perspektive bietet und Innovationen offen gegenübersteht. Außerdem lag es mir am Herzen, dass sowohl Forschung als auch Lehre eine wichtige Rolle spielen, so dass eine ganzheitliche Betätigung im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals für mich gewährleistet ist. Da sich bereits während meines Berufungsvortrags der Eindruck ergab, dass meine Kriterien hier in Wilhelmshaven erfüllt sind, war ich mir schnell sicher, mit der Jade Hochschule eine sehr gute Wahl zu treffen.
JW: Mit welchen Erwartungen und Vorstellungen treten Sie die Professur an?
Meuthen: Ich freue mich auf hoch motivierte Studierende, auf einen engagierten Kollegenkreis und auf eine gute Zusammenarbeit mit der Verwaltung sowie Kooperationspartnern aus der Praxis. Ich bin daran interessiert, Studierenden eine erstklassige Vorbereitung auf eine Berufstätigkeit im Bereich des Steuerwesens, vor allem mit Blick auf das Steuerberaterexamen, zu ermöglichen. Dies geht nur mit starken Partnern an meiner Seite und im Team. Insbesondere möchte ich den Rückhalt der Jade Hochschule als Institution in der Region stärken und bin daher gewillt, regionale Kooperationen zu knüpfen, um so den Studierenden einen frühzeitigen Bezug zur Praxis zu vermitteln. Ich bin davon überzeugt, dass ich diese Rahmenbedingungen an der Jade Hochschule vorfinde.
JW: Welche Schwerpunkte möchten Sie in Lehre und Forschung setzen?
Meuthen: Im Bereich der Lehre ist es mir wichtig, dass die Studierenden verstehen, dass es nicht um Credits oder gute Noten geht, sondern um persönliche Interessen und eine natürliche Neugierde an der Thematik. Denn wenn Interesse und Neugierde an einer Thematik vorhanden sind, stimmt die Antriebsfeder um sich mit dieser auseinanderzusetzen und die Credits und die guten Noten kommen dann von ganz alleine. Notentechnisch war ich beispielsweise kein guter Schüler, habe jedoch durch die Freiheiten im Studium die Möglichkeit bekommen, herauszufinden, was mich interessiert und wie ich meinen Lernprozess optimal organisiere. Diese Erfahrung möchte ich gerne weitergeben. Trotz des Bologna-Prozesses ist das Studium aus meiner Sicht nach wie vor eine Zeit, in der die Studierenden ihre persönlichen Neigungen und Interessen ausloten und diesen nachgehen. Daher ist es mir ein Anliegen, den Studierenden die Faszination der Steuerlehre näherzubringen, sie aber vor allem auch zu motivieren, sich dem Notendruck zu entziehen und interessengeleitet das Studium zu absolvieren, da dies im Ergebnis den größten Erfolg mit sich bringt.
Im Bereich der Steuerforschung haben sich die relevanten Forschungsfragen von juristisch geprägten Fragestellungen hin zu gesellschaftlichen Fragestellungen verlagert. Insbesondere das Steueraufkommen international agierender Unternehmen kann und wird verstärkt gestaltet, nicht zuletzt da Unternehmensressourcen durch die fortschreitende Digitalisierung und Globalisierung flexibel einsetzbar sind. Damit ergeben sich für einige international agierende Konzerne Steuerquoten im einstelligen Bereich. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob das, was rechtlich erlaubt auch gesellschaftlich sinnvoll ist. Einige Beispiele von Unternehmensboykotten wegen zu niedriger Steuerquoten zeigen bereits, dass ein zu hohes Ausmaß an Steuergestaltung gesellschaftlich nicht toleriert wird.
Aus dieser Konstellation heraus ergeben sich wechselseitig determinierende Forschungsfragen. Zum einen ist fraglich, welche Entscheidungen Konsumenten (Boykott), Investoren (Nichtaufnahme in einen Nachhaltigkeitsfonds) oder Betriebsprüfer (Erhöhung der Prüfungsintensität) aus der Steuergestaltung internationaler Unternehmen ableiten. Zum anderen gilt es zu untersuchen, wie Unternehmen das Entscheidungsverhalten eben dieser gesellschaftlichen Akteure bei der Ausgestaltung ihrer Steuergestaltungen antizipieren. Es freut mich die Möglichkeit zu haben, diese und viele weitere spannende Forschungsfragen zukünftig untersuchen und zu deren Beantwortung beitragen zu können.

Wissens- und Technologietransfer katrin.keller@jade-hs.de




