JW: Welche weiteren Kernthesen stellen Sie in Ihrer Prognose auf?
Köster: In den letzten eineinhalb Jahren ist die Konjunktur primär dem Pandemieverlauf gefolgt und nicht klassischen konjunkturellen Überlegungen. Daher revidieren aktuell viele Institute ihre Prognosen nach unten, während wir schon im Frühjahr 2021 deutlich skeptischer gewesen sind. Wir gehen von einem Anziehen der deutschen Wirtschaft erst nächstes Jahr aus. Die Argumentation dahinter ist insbesondere, dass die deutsche Wirtschaft, und hier nicht zuletzt der Aussenhandelssektor, sich in den weiteren Monaten durch Umsteuern den allgemeinen Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten anpassen kann. Ähnlich wie es nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise geschafft worden ist, die Schwäche der Emerging Markets durch Absätze insbesondere in die USA zu kompensieren.
Schwierig ist zudem die Frage nach einer Verstetigung des aktuell hohen Preisauftriebes zu beantworten, denn gegenwärtig ist dieser vornehmlich durch den Basiseffekt bei den Energiepreisen und die zurückgenommene Mehrwertsteuersenkung zu erklären. Daher gehen wir bisher von einem Rückgang der Inflationsrate auf zwei Prozent für Deutschland, das Ziel der Europäischen Zentralbank, aus. Trotzdem ist das Risiko einer Lohn-Preis-Spirale und damit dauerhaft höheren Inflationsraten nicht zu unterschätzen.
Insgesamt wird damit die zu bildende neue Regierung, wie schon angesprochen, vor enormen Herausforderungen stehen, um die langfristigen Herausforderungen wie den Klimawandel, die Digitalisierung und die Alterung der Gesellschaft zu bewältigen.
JW: Vielen Dank für Ihre Einschätzung!