Beschreibung
Interaktive virtuelle Umgebungen (iVUs) eröffnen neue Möglichkeiten, Prozesse der Wahrnehmung und der kognitive Verarbeitung in komplexen Szenen zu erforschen. Obwohl allgemein anerkannt ist, dass dafür auditorische Stimuli eine wichtige Rolle spielen, wird die Qualität des Audio-Renderings oft vernachlässigt. Die zurzeit höchste Qualität des Audio-Renderings ist bei der Auralisierung in der Raumakustik erreicht. Selbst auf diesem Gebiet fehlen jedoch derzeit noch Konzepte zur Validierung des Transfers der wahrgenommenen Empfindungen vom Originalraum zur virtuellen Realität, wenn diese in einer vom Originalraum abweichenden Reproduktionsumgebung dargeboten wird. Auch wenn alle akustischen Merkmale perfekt authentisch reproduziert würden, ist es möglich, dass die Wahrnehmung in der virtuellen Realität aufgrund der unbewusst wahrgenommenen Reproduktionsumgebung nicht mit dem Originaleindruck übereinstimmt. Deshalb wird zunächst ein Konzept zur Erfassung des Wahrnehmungstransfers von der originalen zur virtuellen Szene entwickeln, welches über die bekannten Konzepte von Authentizität und Plausibilität hinausgeht. Dieses Konzept bezeichnen wir hier als Realismus. Dabei werden zusätzlich zu den auditorischen kongruente visuelle Stimuli benutzt, die über head-mounted displays (HMDs) dargeboten werden. Eine für künftige Anwendungen wichtige Fragestellung dabei ist, inwieweit visuell kongruente Stimuli dazu führen, dass auf die Messung individueller binauraler Raumimpulsantworten verzichtet werden könnte. Ein hoher Grad auditorischen Realismus in iVUs ermöglicht die Erforschung komplexerer kognitiver Verarbeitungsphänomene in realitätsnahen Szenen. Soziale Kognition ist ein prominentes Gebiet, auf dem iVUs dabei helfen können, experimentelle Paradigmen weiterzuentwickeln und die komplexen Mechanismen sozialer Interaktionen besser zu verstehen. Hier planen wir zu untersuchen, welchen Einfluss das Audio-Rendering auf ausgewählte kognitive Prozesse hat, die insbesondere für die Erforschung und Behandlung sozialer Angst eine hohe Relevanz haben. Dazu gehören Wahrnehmung und crossmodale Aufmerksamkeit. Des Weiteren planen wir zu untersuchen, inwieweit realistisches Audio-Rendering in iVUs dazu beiträgt, emotionale Reaktionen wie Angst hervorzurufen und potenziell vermittelnde Faktoren wie soziale Präsenz zu verstärken. Schließlich soll der Einfluss des Audio-Renderings auf sozial-emotionale Lernprozesse erforscht werden.Das langfristige Ziel des Projekts ist es, iVUs mit binauralem Audio-Rendering und visuellem Rendering über HMDs als Standardwerkzeuge für die Forschung auf verschiedenen Gebieten, insbesondere der Raumakustik-Forschung und der Erforschung und Behandlung sozialer Angst, zu etablieren. Wir erwarten, aus den Ergebnissen Richtlinien zum Audio-Rendering in der Raumakustikforschung und der psychologischen, insbesondere der klinischen und sozialpsychologischen Forschung, ableiten zu können.