Abstract
Einleitung: Zur Vermeidung digitaler Ungleichheiten sollte im Forschungs- und Entwicklungsprozess (FuE) von Gesundheitstechnologien (GT) die Diversität älterer Personen ausreichend abgebildet werden. In Forschungsvorhaben zu GT ist die Heterogenität dieser Personengruppe hingegen häufig unterrepräsentiert [1]. Das TIBaR-Modell [2] definiert mögliche Maßnahmen im Zugang zu schwer erreichbaren älteren Personengruppen und umfasst vier Schritte, die aufeinander aufbauen: 1. Vertrauen aufbauen, 2. Anreize bieten, 3. individuelle Barrieren identifizieren, 4. reaktionsfähig sein. Allerdings fehlen bislang in diesem Modell spezifische Strategien zu Forschungsvorhaben im Bereich von GT. Ziel war es daher, die wichtigsten Erkenntnisse zu den Vorstellungen und Erfahrungen älterer Personen, von Multiplikator*innen aus der Gemeinwesen- und Senior*innenarbeit und von Forschenden in das Modell zu integrieren.
Methoden: Es wurden Daten aus verschiedenen qualitativen und quantitativen Studien des AEQUIPA-Präventionsforschungsnetzwerks herangezogen, in denen die Vorstellungen und Erfahrungen zu unterschiedlichen Themen (Beteiligung, Barrieren, Motivation, Strategien) mit verschiedenen Methoden untersucht wurden: 1. ältere Personen (n=103; Telefoninterviews, Fokusgruppen, Fragebögen) [3], 2. Multiplikator*innen aus der Gemeinwesen- und Senior*innenarbeit (n=17; Fokusgruppen, Telefoninterviews) [4], 3. Forschende (n=92, Online-Befragung) [5]. Die qualitativen Daten wurden anhand einer inhaltlich-strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse mit MAXQDA ausgewertet; die Analyse der quantitativen Daten erfolgte deskriptiv mit SPSS. In einem weiteren Schritt wurden die zentralen Erkenntnisse aus den verschiedenen Studien dann den vier Stufen des TIBaR-Modells [2] zugeordnet.
Ergebnisse: Insgesamt nahmen 212 Personen (102 weiblich) im Alter zwischen 33 und 90 Jahren an den verschiedenen Studien teil. Neben der Beteiligung vertrauter Personen und Strukturen ist für die erste Stufe (Vertrauen aufbauen) auch die Barrierefreiheit (u. a. einfache/andere Sprache) für den Zugang zu und die Beteiligung von älteren Personen von Bedeutung. In der zweiten Stufe (Anreize bieten) sollten sowohl altruistische (z. B. Unterstützung der Forschung) als auch extrinsische Motive (u. a. finanzielle/materielle Belohnung) von älteren Personen beachtet werden. Während der dritten Stufe (Individuelle Barrieren identifizieren) spielen neben der Beachtung gebietsspezifischer Strukturen (z. B. in ländlichen Gebieten) auch die Qualifizierung der beteiligten Personen zu unterschiedlichen Themen (u. a. Zugangsstrategien) eine Rolle. Die vierte Stufe (Reaktionsfähig sein) umfasst Maßnahmen, die darauf abzielen, eine Überforderung bei älteren Personen zu vermeiden und den FuE-Prozess mit angemessenen Methoden flexibel zu gestalten.
Schlussfolgerung: Die unterschiedlichen Perspektiven, die sowohl mit qualitativen als auch mit quantitativen Methoden erhoben wurden, konnten erstmalig anhand des TIBaR-Modells [2] dargestellt werden. Diese Ergebnisse ergänzen somit das bestehende Konzept und können Forschenden zukünftig eine Unterstützung im Zugang zu und bei der Beteiligung von älteren Personen im FuE-Prozess von GT bieten. Die Nutzung entsprechender Modelle kann einen Beitrag dazu leisten, die Diversität älterer Personen mehr zu berücksichtigen und gleichzeitig die Chancengleichheit sowie die Teilhabe zu stärken.