Wieso, weshalb, warum Meerestechnik
Weit mehr als 70 Prozent unseres Planeten sind von Wasser bedeckt. Unter dem größten Teil dieser Fläche findet man Wassertiefen von weit über 200 Metern. Hier dringt man in Regionen vor, in die kein Licht mehr hinabreicht, die Temperaturen auf wenige Grad Celsius abfallen und der Umgebungsdruck bis zum 1000-fachen ansteigt. Aus diesem Grund sind von den mehr als 350 Millionen Quadratkilometern Meeresboden bis heute kaum 5% intensiv untersucht. Dennoch stellen diese unbekannten Gebiete mit ihren extremen Bedingungen wichtige Lebensräume für teils unbekannte Arten dar, sind Lagerstätten wichtiger Rohstoffvorkommen und haben Schlüsselfunktionen im weltweiten Klimageschehen. Sowohl in der Erforschung, wie auch der Erschließung von Gebieten und Ressourcen oder beim Bau von geeignetem Equipment stehen Meerestechniker in der ersten Reihe.
Der Begriff Meerestechnik ist in Deutschland nicht sauber definiert. In Deutschland wird die Klassifikation der Berufe durch die Bundesanstalt für Arbeit vorgenommen. Diese sortiert die Meerestechnik unter dem Begriff Schiffbau ein. Je nach Branchenverband wird dies unterschiedlich gesehen. Während der „Verband für Schiffbau und Meerestechnik“ dies sicherlich so befürwortet, sieht die „Gesellschaft für Maritime Technik“ die Meerestechnik als das Gesamtspektrum der Ingenieurstechnischen Leistung im marinen Umfeld an, ohne Schiffbau und Tourismus. Wir haben dies auch im Wikipedia-Artikel Meerestechnik thematisiert: https://de.wikipedia.org/wiki/Meerestechnik. Der Begriff der Meerestechnik an der Jade Hochschule legt einen klaren Fokus auf Messtechnik und Meeresforschung.
Mit ihren weit gefächerten Sparten ist die Meerestechnik ein zunehmend wichtiger werdender Baustein der gesamtdeutschen Wirtschaft und bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie. Mit einem gesamtökonomischen Effekt von rund 34,2 Mrd. Euro und einer Wertschöpfung von etwa 12,9 Mrd. Euro entspringen diesem Bereich etwa 180.000 Arbeitsplätze in Deutschland (Zahlen aus einer Studie des Bundesministeriums für Wirtschaft, siehe Fußnote[1]). Durch die breite Aufstellung und hohe Diversifizierung sind diese Zahlen nicht an einzelne Regionen oder Schwerpunktbranchen gebunden, sondern querschnittlich in Wirtschaft und Gesellschaft verankert. Für ein außenhandelsorientiertes Land wie Deutschland ist die Wettbewerbsfähigkeit im marinen Sektor dabei von großer Bedeutung. Hierzu definiert der Bund zentrale Ziele für koordinierte Maßnahmen, deren Umsetzung bedarfsorientiert gesteuert werden Hierzu existiert der ‚Nationale Masterplan Maritime Technologien‘ (siehe Fußnote[2]) und die ‚Maritime Agenda 2025‘ (siehe Fußnote[3]). In diesem Kontext entwickelt die Meerestechnik ständig neue Lösungen für gesellschaftsrelevante Probleme unserer Zeit. Dies reicht von off-shore Energie bis hin zur Erschließung von Lagerstätten. Aber auch die Entwicklung hochspezialisierter Messtechnik und deren Einsatz in der Meeresforschung gehört zu den Aufgabengebieten. Praktische Messungen auf See dienen neben der Grundlagenforschung und einem besseren Verständnis der Meere auch zur Validierung von Daten, die z.B. durch Satelliten erhoben werden. Obgleich viele Messverfahren etabliert und standardisiert sind, gleicht kaum ein Projekt dem anderen und stets muss für neue Herausforderungen ein entsprechendes Design gefunden werden.
[1]www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Maritime%20Wirtschaft/Maritime-Wertsch%c3%b6pfung-Studie-Kurzfassung.pdf
[2]www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Technologie/nationaler-masterplan-maritime-technologien-maritime-branche-broschuere.pdf
[3]www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Publikationen/Wirtschaft/maritime-agenda-2025.html
Wilhelmshaven ist der einzige Meerestechnik-Standort in Deutschland, der stark fokussiert auf die Entwicklung messtechnischen Equipments für die die Meeresforschung und gleichzeitig in der Kooperation mit dem Institut für Chemie und Biologie des Meeres (ICBM) der Uni Oldenburg eine praxisnahe Ausbildung an hochaktuellen Themen der Forschung bietet.
Karriere & Perspektiven
Das hängt ganz von euch ab. Da die Meerestechnik ein sehr breites Spektrum abdeckt, existiert eine riesige Auswahl an persönlichen Optionen und beruflichen Wegen. Deshalb können wir hier nur Beispiele liefern:
- Meeresforschungstechnik, besonders die Entwicklung von Messtechniken und -geräten der Meereskunde (Ozeanographie, meeresbiologische Sensorik, etc.)
- Unterwasserfahrzeuge wie ROVs, AUVs, Glider, Drifter oder ARGO-Floats
- Unterwassertechnik (z. B. Antriebe, Sonar, Schweißarbeiten, Tauchen, Verlegung, Pumpen)
- Off-shore Windenergie, erneuerbare Energien
- Mariner Umweltschutz
- Zivile maritime Leit- und Sicherheitstechnik, incl. Teilgebiete Navigation und Hydrographie
- Off-shore Konstruktionen und Bauwerke
- Pipelines und Seekabeltechnik
- Polartechnik
- Blaue Biotechnologie
- Off-shore Exploration, Meeresbodenbergbau und Betrieb
- Küsteningenieurwesen, Küstenschutz und Wasserbau
- Marine Ressourcen, Aqua- und Marikultur
- Schutz kritischer Infrastruktur
- Technologie der Marine und Küstenwache
- Wehr- und Aufklärungstechnik
- Marine Governance, regulatorische und behördliche Belange
- Leitstellen und Ämter (z.B. marine Verkehrsleitzentralen, Seeschifffahrt und Hydrographie, Wasserstraßenämter, etc.)
Der Nord-West-Weg beschreibt eine deutschlandweit einmalige Möglichkeit, bei der geeignete Absolventen in der Nord-West-Region einen Karriereweg vom Bachelor bis zur Promotion gehen können. Dies beginnt mit dem Bachelor of Engineering an der Jade Hochschule. Danach folgt der Master of Science in Mariner Sensorik, was zusammen mit der Universität Oldenburg angeboten wird. Bei entsprechender Eignung kann dann eine Promotion angeschlossen werden, die dann eine akademische Laufbahn bis hin zur Professur ermöglicht.
Nein! Unsere Absolvent_innen erwerben den international anerkannten Titel Bachelor of Engineering. Viele Absolvent_innen arbeiten nach ihrem Abschluss eine gewisse Zeit oder dauerhaft im Ausland, wo sie als vollwertige Ingenieur_innen anerkannt sind. Der Unterschied zu klassischen Ingenieur_innen ist die Spezialisierung auf marine Technologien, die Besonderheiten durch Seewasser und ein grundlegendes Verständnis für das System Meer und Atmosphäre.
Unsere Absolvent_innen sind Ingenieur_innen und liegen in den Gehaltstabellen im Allgemeinen im oberen Drittel. Auch hier gilt natürlich, dass Erfahrung und erfolgreich gezeigte Führungsverantwortung (Projekte und Personal) im Laufe der Jahre zu einer deutlichen Gehaltssteigerung führen.
Uns ist aus den letzten 10 Jahre kein_e Absolvent_in aus dem Studiengang Meerestechnik an der Jade Hochschule bekannt, der trotz Bemühungen keinen Job gefunden hat. Oftmals lernen die Studierenden bereits während des Studiums potentielle Arbeitgeber kennen und stellen frühzeitig die Weichen.
Auch wenn die Branche sehr breit aufgestellt ist, so hat jede Sparte ganz spezifische Akteure, die oft hochgradige Spezialisten sind und eine bestimmte Aufgabe bedienen. Die Antwort ist kurz: Man kennt sich überwiegend; oft hat man den Lieferanten/Spezialisten in der Kurzwahl. Setze ich ein Seekabel-Projekt um, kenne ich z.B. die Akteure, die Seekabel verlegen können. Suche ich eine CTD, kenne ich die Anbieter. Benötige ich ein ROV, kenne ich den Lieferanten. Brauche ich ein USBL-System, habe ich den Kontakt. Werbung und (Neu-)Produktvorstellung sind im Allgemeinen nichts für den breiten Consumer-Markt, sondern werden auf eigenen Messen und Plattformen realisiert. Die Weltleitmesse der maritimen Wirtschaft ist die übrigens die ‚Shipbuilding, Machinery and Maritime Technology‘ und findet alle 2 Jahre in Hamburg statt: https://www.smm-hamburg.de/messe/ueber-smm ; auch wenn der Fokus eher in Richtung Schiffbau geht, ist hier auch die messende Ozeanographie und die Meeresforschung vertreten. Im Jahr 2024 zählte die Messe etwa 48.000 Teilnehmende und rund 2.200 Aussteller.