Aufgewachsen bin ich in Südwestdeutschland zwischen Streuobstwiesen, Wäldern und Weinbergen. Nach dem Abitur und einem BWL-Studium an der Fachhochschule Heilbronn habe ich noch ein Unistudium des Wirtschaftsingenieurwesens an der TU Karlsruhe angehängt, weil ich das Leben als Studentin sehr genossen habe. Bei einer Logistik-Beratung habe ich danach einige Jahre schwerpunktmäßig für die Automobilindustrie („für den Daimler“) und für die Elektronikbranche gearbeitet. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag im Spätherbst 1994, als ich zu meiner Probevorlesung nach Elsfleth kam. Zum ersten Mal in der norddeutschen Tiefebene war das für mich als passionierte Skifahrerin ein sehr ungewohnter Anblick: in den Donnerschweer Wiesen stand das Wasser, kein Wald, kein Hügel weit und breit. Bei der Probevorlesung am Fachbereich in Elsfleth war die Aula voll: fast alle (!) Studis und Kollegen waren versammelt um diese Bewerberin aus dem Süden zu begutachten. Viele dachten sicher: „Was will die hier denn?“ Eine Süddeutsche ohne nautischen Hintergrund am Fachbereich für Seefahrt?
Ziemlich genau ein Jahr später zogen wir dann keine 200 Meter vom Fachbereich in ein renoviertes Kapitänshaus direkt an der Hunte. Als zuletzt berufene Professorin im kurz vorher gegründeten Studiengang „Seeverkehrs- und Hafenwirtschaft“ stieg ich mit vollem Deputat ein und musste Vorlesungen übernehmen, für die sich bis dahin kein Kollege gefunden hatte, darunter auch einige in Gebieten, mit denen ich vorher nur am Rande zu tun hatte. Eine sehr arbeitsreiche Zeit folgte, die mir aber nach meiner Zeit in einer Unternehmensberatung mit 12-14 Stunden-Tagen nicht fremd war.
In den Jahren nach meiner Berufung bekamen wir Kinder und ich habe mich auf die Lehre konzentriert, weil zeitliche Planbarkeit wichtig ist, wenn beide Partner beruflich voll engagiert sind. Meine Verbindung zu den aktuellen Themen in der Industrie konnte ich über die Betreuung vieler Bachelor- und Masterarbeiten halten, für eigene Forschungsprojekte oder ein Engagement an der Hochschule über den Fachbereichsrat oder Berufungskommissionen hinaus, fehlte mir aber einfach die Zeit.
Während meiner Zeit als Hochschullehrerin haben mich die Kolleg_innen immer sehr gut unterstützt und mir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht. Nun sind die Kinder aus dem Haus und quasi auf der Zielgeraden meiner Arbeit an der Hochschule ist jetzt die richtige Zeit, dem Fachbereich und der Hochschule etwas zurückzugeben. Aus diesem Grund habe ich auf die Frage nach einer Kandidatur als Dekanin nicht lange gezögert und zugesagt.
Nachdem ich 1995 als erste Frau an den Fachbereich Seefahrt berufen wurde, bin ich nun also 2021 die erste Frau als Dekanin an einem Fachbereich Seefahrt.
Prof. Barbara Brucke